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Vom Zampern bis zur Vogelhochzeit
Mit ihren Fastnachts-Bräuchen lassen die Sorben die kalte Jahreszeit ausklingen

Autor: Frank Groneberg,
erschienen in der Märkischen Oderzeitung am 1. März 2003

So mancher Besucher, den es im Januar oder Februar auf seinem Wochenend-Ausflug in die Dörfer Südostbrandenburgs verschlägt, schaut etwas ungläubig. „Vorsicht! Zamperer unterwegs!“ warnen Schilder am Ortseingang. Angeführt von einer Kapelle, zieht eine bunte Schar fröhlicher Leute durch die Straßen. Sie haben sich verkleidet, sind als Teufel, Hexen, Piraten oder auch menschliche Kühe auf Achse – der närrischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vor jedem Haus hält die Truppe an. Die Bewohner werden herausgeklingelt und freundlich, aber bestimmt um „ein paar milde Gaben“ gebeten. Meist sind es Eier, Speck und Würste sowie Flaschen, gefüllt mit Hochprozentigem, die in mitgeführte Handwagen wandern. Oft ist Geld dabei, was gern auch von ahnungslosen Durchreisenden als eine Art Wegezoll eingefordert wird. Und ab und an gehören Rollmöpse oder ein Fass mit sauren Gurken dazu – in weiser Voraussicht, schließlich soll die Zamper-Beute irgendwann möglichst kater-arm verspeist und vertrunken werden. Als Dank für so viel Freigiebigkeit gibt's ein Ständchen von den Musikanten. Man schunkelt und singt, Frau und Mann des Hauses werden zum Tanz gebeten. Meist haben diese den Narrenzug schon erwartet und laden zum Imbiss ein: mit Schmalzstullen, belegten Brötchen und natürlich dem obligatorischen „Schnäpperken“ zum Aufwärmen. Das Ganze wiederholt sich dann von Tür zu Tür, ein festes Ritual, das viel Zeit in Anspruch nimmt.

Selbst in kleinen Dörfern sind die letzten Gaben erst nach neun, zehn Stunden eingesammelt. In der 2.700 Seelen-Gemeinde Brieskow-Finkenheerd wird das Zampern daher schon von vornherein auf zwei Tage aufgeteilt, mit festgelegten Marschrouten. So wie die eigentliche Zeremonie in jedem Ort die gleiche ist, so unterschiedlich wird mit den Spenden verfahren. Im Frankfurter Ortsteil Lossow beispielsweise, wo seit 1981 gezampert wird, werden die Gaben aufbewahrt bis zur eine Woche später angesetzten Fastnachtsfeier. Die Närrinnen und Narren von Wiesenau dagegen, seit 1976 jedes Jahr auf Bettel-Zug, laden noch am selben Abend zur Fete ins Dorfgemeinschaftshaus ein. Dort wird aus Speck und Eiern ein riesiges Rührei gezaubert, die so genannte „Kreschke“. Deren Name soll übrigens auf das Auslassen des Specks in der Pfanne zurückgehen, das früher „auskreschen“ hieß. Zumindest eines ist aber überall gleich: Das eingenommene Geld hilft bei der Finanzierung der Fastnachtsfeiern, und auch die Zamper-Kapellen wollen schließlich bezahlt werden. Mit dem eigentlichen Zampern im streng traditionellen Sinn haben diese Umzüge jedoch oft nicht mehr allzuviel zu tun, vielmehr vermischen sich hier Teile des sorbischen Brauchtums.

Als Zampern bezeichnet man den historisch ältesten Bestandteil des Zapust, der niedersorbischen Fastnacht. Von daher erklärt sich auch die Begrenzung auf den südostbrandenburgischen Raum – nördlich einer Linie Frankfurt (Oder)–Fürstenwalde ist dieser Brauch so gut wie unbekannt. Der Zapust ist das am weitesten verbreitete und wichtigste sorbische Fest, das von Mitte Januar bis vier Wochen vor Ostern begangen wird und das Ende der kalten Jahreszeit markiert. Noch bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts feierte die Dorfjugend mit dem Zapust den Abschluss der Spinte. Im Winterhalbjahr, zwischen Ernte und Neuaussaat, trafen sich die Mädchen früher jeden Abend zur Arbeit am Spinnrad und erzählten sich Dorfgeschichten, Sagen und Märchen oder lernten von einer Vorsängerin – der Kantorka – alle bekannten sorbischen Volkslieder und Choräle. Diese Abende, Spinte genannt, bildeten so das eigentliche kulturelle Zentrum der Jugend im Ort. Zur Auflösung der Spinte durften die Jugendlichen noch einmal ausgelassen feiern, bevor im Frühjahr die körperlich schwere Feldarbeit wieder begann.

Der Begriff „zampern“ geht zurück auf das sorbische Wort „camprowanje“, was soviel bedeutet wie heischen, einfordern. Der fröhliche Umzug selbst – auch Heischegang genannt – hat seine Wurzeln weit in vorchristlicher Zeit. Magisch-kultische Elemente wie Maskierung, Mummenschanz und lautes Lärmen lassen darauf schließen, dass böse Dämonen verjagt und andere Gefahren abgewendet werden sollten. Der Winter sollte ausgetrieben und Platz geschaffen werden für neues Leben in der Natur und auf den Feldern. Die tanzenden und singenden Zamperer führten frische Weiden- oder Birkenzweige mit sich und berührten mit diesen Ruten, die Zeichen waren für die im Frühjahr wieder erwachenden Lebenskräfte, ihre Mitmenschen. Eine Art Fruchtbarkeitszauber, auf den auch typische Verkleidungen verweisen: Schimmelreiter und Erbsstrohbär als Symbol des abziehenden Winters, Storch und Wurstbrüder für den Frühling oder auch die doppelte Person – der Tote trägt den Lebenden. Heute ist das Zampern bei den Sorben in der Niederlausitz traditionell ein Fest der Jugendlichen, Elemente aus heidnischer Vorzeit spielen da keine Rolle mehr. Junge Leute maskieren und verkleiden sich an einem Sonn­abend und ziehen von Haus zu Haus. Der Hausfrau wird zum Dank ein Tänzchen angeboten, ihrem Mann ganz traditionell ein „Palenc“ – ein Schnaps – eingeschenkt. Alle eingesammelten Spenden werden meist eine Woche später beim Eieressen verzehrt, wobei die Bitte gerade um Eier vermutlich auch im Fruchtbarkeitskult ihren Ursprung hat. Neben Zampern und Eierverzehr dritter Bestandteil und zugleich Höhepunkt des Zapust ist der große Festumzug in sorbischen Trachten, der auch heute noch jedes Jahr Tausende Touristen in die D rfer rund um Cottbus lockt.

Als jüngste Fastnachtstradition ist der Zug, der auf sorbisch „Zapustowy pseseg“ heißt, erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Am Sonntag nach dem Zampern treffen sich alle unverheirateten Mädchen und Jungen eines Ortes – im Allgemeinen bis zum Alter von 25 Jahren – mittags in der Gaststätte oder einem anderen Zentrum des Dorflebens. Die jungen Mädchen erscheinen natürlich in ihrer festliche Tanztracht, deren Anlegen allein schon als Kunst gilt. Über den dunklen Röcken tragen sie weiße Spitzenschürzen und geschickt gefaltete Seidenhalstücher mit bunten Stickereien. Letztere müssen farbenfroh sein, der graue Winter hat schließlich lange genug gedauert. Komplett ist die Tracht erst mit der „Lapa“, der großen kunstvoll gebundenen Haube, die heute aber nicht mehr in allen Dörfern der Niederlausitz zu sehen ist. Am Treffpunkt formieren sich Paare. Die Mädchen stecken ihren Partnern, die ebenfalls adrett gekleidet sind, einen Zapust-Strau aus Papier an den Hut oder ans Jackett. Nach einem kurzen Tanz und dem Fototermin für Verwandte und Besucher formiert sich der Festzug. War das Zampern noch von viel Lärm, Schabernack und lautem Singen geprägt, geht es beim Zapust-Umzug zunächst etwas geruhsamer zu. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Allen voran marschiert die Blaskapelle. Immer stimmungsvoller wird ihre Musik, die Straße verwandelt sich in eine Tanzfläche. Immer schneller drehen die Männer und Frauen, deren Röcke sich schwungvoll aufbauschen und so ihre ganze Pracht erkennen lassen. Der Festumzug gilt als eine Art Huldigungszeremonie. Wichtige Persönlichkeiten des Dorfes wie der Bürgermeister, der Pfarrer, Handwerksmeister oder Vereinschefs werden besucht. Ihnen werden als Zeichen der Verehrung ebenfalls Zapust-Sträuße oder auch Blumen überreicht, dann spielt die Kapelle zum Tanz. Zum Dank laden die Geehrten zum Imbiss ein und spendieren Lebensmittel, Schnaps oder Geld für die Fastnachtskasse. Abends trifft man sich dann zum Fastnachtstanz. Beendet wird der Zapust in vielen Dörfern traditionell mit der so genannten Männerfastnacht, die den verheirateten Paaren vorbehalten ist. Der Jugend bleibt da nur das Eieressen.

Kaum noch bekannt ist die Weiberfastnacht, die dafür in der Oderregion wieder auferstand: In Schönfließ, einem Ortsteil von Eisenhüttenstadt, feiern die Damen zum Auftakt der Faschingssaison seit Jahren eine echte Weiberfastnacht. Zu Beginn der Veranstaltung bleiben sie unter sich und lassen sich von einem Programm unterhalten, das von Männern gestaltet wird. Am späten Abend dürfen dann auch die Männer mitfeiern – natürlich nur mit Schlipsen, die dann schnell der Schere zum Opfer fallen. Eine andere sorbische Tradition zum Ende des Winters, die zunächst eher für die katholisch geprägte Oberlausitz in Nord­sachsen typisch war, hat dagegen längst auch von der Niederlausitz Besitz ergriffen: die Vogelhochzeit, die wahrscheinlich auf die Wintersonnenwende zurückzuführen ist. Am Vorabend des 25. Januar stellen die Kinder leere Teller ans Fenster, auf denen sie am Morgen süße Überraschungen finden – Dankesgrüße der Vögel für die Futterhilfe im Winter. Die Geschenke stammen von der Elster und dem Raben, die an diesem Tag Hochzeit halten. Die Mädchen und Jungen feiern mit, schlüpfen in Vogelkostüme und veranstalten einen Festumzug. Oft legen auch die Kleinen die sorbische Hochzeitstracht an, tragen Steppkes in Kindergärten und Schulen stolz ihren Frack nebst Zylinder. Und alle singen das bekannte Kinderlied „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ – nur das in der sorbischen Version eben nicht Amsel und Drossel die Braut und der Bräutigam sind, sondern Elster (sroka) und Rabe (hawron).  

Märkische Oderzeitung, 01.03.2003